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Der Jazz lebt – in Würzburg!

Von Manfred Kunz

Erinnert sich noch jemand an die späten 80er Jahre, an jene legendären Dienstagabende im Autonomen Kulturzentrum (damals noch in der Martin-Luther-Str. 4), an denen die damals gerade gegründete Jazzinitiative Würzburg zur regelmäßigen Jamsession eingeladen hatte? Als heutige Größen wie der Bassist Rudi Engel oder der virtuose Trompeter Martin Klingeberg im schwarzen und von Rauchschwaden durchzogenen Saal ihre Karriere starteten: eine musikalische Aufbruchstimmung durchwehte die eingeschlafene Jazz-Musikszene der Stadt, kulminierend in den herbstlichen Festivals der Jazzinitiative. Schon damals bot das Festival einerseits den interessantesten Formationen der heimischen Szene eine größere öffentliche Plattform, und brachte anderseits die wichtigsten Größen der deutschen und europäischen Jazz-Welt nach Würzburg. Die legendären Sessions sind spätestens seit dem Abriss des Hauses in der Martin-Luther-Str. im Frühjahr 1990 Geschichte, die Jazz-Initiative und das Jazz-Festival gibt es bis heute – in unveränderter Konzeption und in den letzten Jahren wieder deutlich gestiegener Resonanz beim Publikum.

So auch im Jahr 2006. Sieben Jazz-Formationen, zwanzig Musiker und ein Jazz-Orchester, zwei Uraufführungen und am 28. und 29. Oktober zwei nahezu ausverkaufte Abende im Würzburger Felix-Fechenbach-Haus. Was die bloße Statistik nicht vermitteln kann: Der Jazz lebt in Würzburg wie selten und findet ein gleichermaßen konzentriertes wie begeistertes Publikum.

Die Jazz-Initiative hatte für ihr 22. Festival ein erneut hochkarätiges Programm aus jungen Würzburger Formationen, Ex-Würzburgern, die gerne in die Stadt ihrer musikalischen Ausbildung zurückkehren und renommierten Gästen zusammengestellt. Stilistisch deckte es die gesamte Bandbreite improvisierter Musik ab – vom verspielten Duo bis zum imposanten Big-Band-Sound, von melodisch eingängiger Leichtigkeit bis zu hoch komplexen Song-Dekonstruktionen. 

Schon der samstägliche Opener, das Würzburger Gerhard Schäfer Quintett belegte symbolisch, dass sich die Barockstadt Würzburg und der Jazz nicht ausschließen. Mit Bearbeitungen von Stücken des Barock-Komponisten Henry Purcell aus dessen Oper „Dido und Aeneas“ stellte die Band um Saxophonist, Flötist und Arrangeur Gerhard Schäfer die geradezu modern anmutenden Dissonanzen heraus. Vor allem dank der einfühlsamen Interpretation der Sängerin Sylwia Bialas bewies das Material aus dem 17. Jahrhundert seine Tauglichkeit für die Salons des 21.

Mit den handwerklich perfekten, oft poetisch getragenen Eigenkompositionen und gefühlvollen Interpretation von Standards der 60er und 70er schlug das Würzburger

Max Ludwig-Heiko Bidmon-Quartett den Bogen zum Berliner Duo Thomas Wallisch und Oli Bott. Ihre ungewöhnliche Instrumentierung Gitarre und Vibraphon erweiterten die beiden perfekten Klangkünstler mit Stimme und allerlei Elektronica sowie einer phantastischen Bühnenpräsenz zu einem höchst kurzweiligen und ironisch verspielten Song-Programm, das zurecht als Kulturbotschafter des Goethe-Instituts in der weiten Welt unterwegs ist.

Den Schluss- und Höhepunkt des Samstag bildete der erste gemeinsame Auftritt von Michael Wollny und Peter Fulda. Beide Pianisten, Absolventen der Würzburger Musikhochschulen, haben mit ihren eigenen Projekten längst große Karrieren gestartet und mit Tourneen bundesweite Aufmerksamkeit über die Fachpresse hinaus erlangt. Mit der Uraufführung von Fuldas 40-Minuten-Komposition „Celtic Cross“, in der sich unbändige Spielfreude und pure musikalische Energie zu einem furiosen Duett an zwei Flügeln verbinden, setzten Wollny und Fulda – soviel darf schon jetzt prognostiziert werden – einen weiteren Meilenstein auf dem Weg in den Jazz-Olymp. Und das in Würzburg, weit nach Mitternacht – vor einem gebannt lauschenden und enthusiastisch applaudierenden Publikum.

Diesem wollte das Würzburg Jazz Orchestra als traditioneller Opener des Sonntags nicht nachstehen und präsentierte mit „The Other Side of Mozart“ eine weitere Uraufführung.  Mozart-Texte, gelesen von Markus Czygan, interpretierte das aufstrebende Orchester um den Ex-Würzburger und jetzigen Wahl-Wiener Bandleader Markus Geißelhart mit dazu passenden Neukompositionen auf der Grundlage des Ausgangsmaterials von Mozart, mal klassisch, mal jazzig, mal im abrupten Wechsel, mal von Solisten wie dem Trompeter Peter Tuscher kunstvoll übergeleitet. Ein gelungener Beweis von Mozarts musikalischer Vielseitigkeit und der präzisen Orchesterarbeit des WJO. Längst hat sich die einstige Big Band der Jazzinitiative zu einem nicht nur in der Jazz-Welt hoch beachteten und musikalisch innovativen Kulturbotschafter Würzburgs entwickelt. Trotz des hohen zeitlichen und organisatorischen und damit auch finanziellen Aufwands bereichert das WJO inzwischen auch mit einer eigenen vierteiligen Konzertreihe, der „Würzburger Big Band Lounge im Bockshorn“ die Würzburger Musik-Szene. 

Mit entspannenden, eingängigen Klängen führte das Kasseler Trio Triosence dann über zum Festivalausklang mit dem legendären Zentralquartett. Konrad Bauer, Ulrich Gumpert, Manfred Hering und Günter „Baby“ Sommer. Die vier Urgesteine des DDR-Jazz, sprengten mit ihren Bearbeitungen deutscher Volkslieder alle Grenzen. In ihrer Interpretation verwandeln sich bekanntes Liedgut und preußische Märsche zu einem orgiastischen Soundgewitter, in dem die Spuren des Ausgangsmaterials ironisch gebrochen immer mitschwingen. Ein faszinierender Schlusspunkt des 22. Festivals, das Jörg Meister, der Vorsitzende der Jazzinitiative als rundum gelungen bezeichnete. „Wir sind hoch zufrieden: mit dem Ablauf, dem Zuspruch, dem Programm und dem Feedback der Musiker, die sich bei uns ausgesprochen wohl fühlen“. Eine Wohlfühlatmosphäre, die auch Muchtar Al Ghusain der neue Kulturreferent der Stadt Würzburg, als Besucher des Sonntagsprogramms mit sichtlichem Wohlbehagen genossen hat.

 

Eine Atmosphäre, die zugleich als Aufbruchsstimmung sichtbar beflügelnd hineinwirkt in die verschiedenen neuen Locations für Live-Jazz in Würzburg. Denn nach langem Dornröschenschlaf hat sich in den letzten 18 Monaten neben dem in die Jahre gekommenen und programmatisch stagnierenden OMNIBUS an unterschiedlichen Orten in der Stadt eine neue vitale Jazz-Szene mit interessanten Live-Acts gebildet. So gibt es bereits seit drei Jahren die Chambinzky Jazz Nights hosted by Uli Kleideiter, Felix Wiegand und Marco Netzband. Einmal monatlich, jeweils dienstags, widmen die drei mit verschiedenen Gästen den Abend einer der Größen der Jazz-Geschichte, etwa mit einem „Tribute to Charlie Parker“ (am 23. Jan. 2007) oder mit „The Music of Bill Evans“ (am 14. Febr. 2007).

In die 2. Saison mit Live-Jazz ist auch der TIEPOLO-KELLER im Inneren Graben gestartet. Im stilvollen Keller der Vinothek gibt es jeweils donnerstags, gelegentlich auch samstags ein vielseitiges Programm von Swing bis Modern Jazz, von Blues bis Chansons. Stilistische Abwechslung ist das Konzept der Programmgestalter Tommi Tucker und Markus Geiselhart: nächste Gäste sind das „Tine Schneider 4-tett“ am 14. Dez. und das Duo Michael Arlt/Axel Hagen am 16. Dez.

Zu den noch kleineren Veranstaltern, die sich um seit Jahren für die Randbereiche der improvisierten Musik engagieren gehört der Verein Galerie 03 e.V., der nach der Aufgabe des eigenen Domizils auf dem Bahnhofsgelände seine Konzerte mit außergewöhnlichen Gästen an wechselnden Orten, mit Schwerpunkt im IMMERHIN veranstaltet. Zuletzt waren dort am 21. Nov. zum wiederholten Mal Günter Heinz (Posaune, Flöte, Surna) und Lou Grassi (Schlagzeug, Perkussion) zu Gast. Unterstützt von den beiden Würzburger Musikern Markus Zitzmann (Saxophon) und Stefan Hetzel (Piano) entfalteten sie eine orgiastische Sound-Collage, welche nicht nur die dünnen Außenwände des Mini-Clubs gehörig erschütterte.

Nach dem großen Erfolg mit dem ersten Neujahrskonzert des Würzburg Jazz Orchestra haben Bockshorn-Leiter Mathias Repiscus und WJO-Bandleader Markus Geiselhart ihre Zusammenarbeit intensiviert. Jüngstes Resultat dieser Kooperation ist die vierteilige Konzert-Reihe „Würzburg Big Band Lounge“, die am 26. Nov. mit dem ausverkauften Programm „The Music of Duke Ellington“ eröffnet wurde. Zwischen verschiedene Ellington-Hits hatte Geiselhart als Höhepunkt die von Ellington als Alterswerk komponierte, selten gespielte „Far East Suite“ verpackt – ein musikalisches Meisterwerk, das vom WJO in extremer Spielfreude bei höchster technischer Brillanz vor allem in den extrem schwierigen langsamen und poetisch-stillen Passagen vorgetragen wurde. Fortgesetzt wird diese vierteilige Konzertreihe am 5. Januar mit dem traditionellen Neujahrs-Konzert. Als Teile Drei und Vier folgen am 25. März „The Music of Würzburg Jazz Composers“ und am 20. Mai “WJO plays pop Classics”.

Zur Einstimmung und als Ausweis der musikalischen Qualität des WJO sei nachdrücklich dessen erster Tonträger empfohlen: WJO – Artistry in Rhythm. The Music of Stan Kenton – feat. Ed. Partyka. (Erhältlich in Würzburger CD-Läden und Buchhandlungen oder über www.wuerzburgjazzorchestra.de    

 

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