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20. Jazzfestival
5. bis 7. November 2004


Blue Box
"Klingt wie Miles Davis, wirkt aber mehr wie Toshinori Kondo." Die Zeiten solcher jazzhistorischer Spitzfindigkeiten sind vorbei. Nach 20 Jahren steht das Trio um Reiner Winterschladen weiterhin ganz vorn, wenn es darum geht, neue Klänge zu entwickeln. Gut kann man Blue Box in die Schublade "Ambient" stecken – auf die Gefahr hin allerdings, dass man den Kasten dann nie wieder zu kriegt. Denn die Jubiläumstruppe gibt so etwas wie die Metal-Band unter den Elektronikfricklern ab. Ein anderes Projekt Winterschladens erforscht Trance und Lounge in Reinkultur. Das Blue-Box-Programm aber lautet: hemmungslos die Phantasie des Hörers aufrühren. Dabei nimmt sich die Band selbst stark zurück: Sie ist – kinotechnisch gesprochen – der leere Raum, in den künstliche Szenen hineinprojiziert werden.
Reiner Winterschladen Trompete, Elektronik
Alois Kott Bass, Elektronik
Peter Eisold Schlagzeug, Elektronik

Markus Geiselhart Quintett
Der Würzburger Bandleader gesteht seine Faszination für den Mainstream der 50er Jahre. "Something old – something new" lautet deshalb sein Motto: Markus sucht Brücken zwischen Vergangenheit und der zeitgenössischen Musiksprache. Vor seiner Quintettgründung arbeitete er ein paar Jahre lang vor allem mit Bigbands (siehe unten). Und er liebt Folklore, Salon- und Neue Musik, von denen immer wieder Einflüsse in das Hardbop-Fundament hineinsickern. So gewinnt der Zuhörer durchaus für kurze Momente den Eindruck, einen ungarischen Walzer oder gar eine böhmische Polka zu hören. Trotz der meist komplex arrangierten Werke spielt die spontane Improvisation eine sehr wichtige Rolle. Seinen Wunschsaxophonisten Johann Geiß zieht Markus Geiselhart aus Nürnberg hinzu, und auch die Jazzpiano-Dozentin an der Würzburger Musikhochschule (nochmals s.u.) ist von dem Projekt überzeugt und vertritt Bernhard Pichl an den Tasten.
Markus Geiselhart Posaune
Johann Geiß Altsaxophon
Tine Schneider Piano
Wolfgang Kriener Bass
Max Ludwig Schlagzeug

Johannes Faber Consortium

Nach dem Festivalstart mit dem coolen Winterschladen endet die Nacht heiß: Johannes Faber bläst mit Blues, Kopf und Bauch. Wo Haffner trommelt, da spritzt bekanntlich gefährlich trockener Funk raus. Das hält den Stargast unseres Jubiläumsfestivals jung und munter: Charlie Mariano legte letzten Herbst bei den Würzburger Bachtagen einen umjubelten Auftritt hin – er heimste seinen Beifall für höchstes Einfühlungsvermögen ein, und nicht für seinen großen Namen. So vielseitig der Altmeister der Weltmusik, so experimentierfreudig ist sein Bandleader. Faber blies für Chaka Khan und Albert Mangelsdorff, schrieb die sensationelle Musik für den Film "Rallye Paris-Dakar" und leitet die Kultserie "Jazz im Gärtnerplatz". Trotz ihrer Orientierung in wörtlich alle Himmelsrichtungen arbeiten die Consortiumsmitglieder teilweise schon lange zusammen. Wichtige Drehscheibe war dabei das United Jazz+Rock Ensemble. Grandios das Ganze!
Charlie Mariano Altsaxophon
Joerg Reiter Piano
Dave King Bass
Wolfgang Haffner Schlagzeug
Johannes Faber Trompete

[m]
Die Lautschrift besagt es: Diese Band spricht sich aus wie der Buchstabe M. Emmichael Wollny ist wohl der wildeste unter den jungen Jazzpianisten der Region. Der mehrfach preisgekrönte gebürtige Schweinfurter begann mit sechs Jahren Klavier zu spielen. Zehn Jahre später nahm er sein Musik-Hochschulstudium auf, und 2003, 25-jährig, legte er das Meisterklassendiplom ab. Zu seiner Zusammenarbeit (eine von vielen) mit der Saxophonlegende Heinz Sauer urteilte das Goethe-Institut: "In dem jungen Pianisten Michael Wollny fand H. Sauer einen brillanten Partner." Er selbst tat desgleichen mit seiner Bassistin und dem Schlagzeuger, die beide an der Universität der Künste studierten und zwischen Jazz, Rock und Neuer Musik unterwegs sind. [m] bringt diese Drei zu kraftvoller Einheit.
Michael Wollny Piano
Eva Kruse Bass
Eric Schaefer Schlagzeug

Ulrike Haage & Carlos Bica: SÉlavy
Vor zehn Jahren die erste deutsche Frauen-Bigband mitgegründet, seit fünf Jahren musikalische Partnerin der Schauspielerin Meret Becker, seit drei Jahren Lehrbeauftragte für "Regie im Hörspiel / Experimentelles Radio", letztes Jahr den Deutschen Jazzpreis erhalten. Klar, dass zwischen den genannten Polen ein weites Feld liegt. SÉlavy heißt Haages neuestes Projekt beziehungsreich, wobei sie sich auf den Dialog mit einem Kontrabass konzentriert. Dessen Spieler Carlos war während seines Würzburger Studiums eine prägende Größe der Jazzszene unserer Stadt. Der eigene Stil, den ihrerseits die Pianistin (und führende Elektronikerin Deutschlands) fand, um Poesie und Instrumentalklang miteinander zu verbinden, entfaltet sich bei SÉlavy in die Weite, in die Stille hinein. Der große Musikfeuilletonist Hans Jürgen Linke charakterisiert die Kunst der Haage: "Sie liebt die feine Gliederung des Raumes und die Sichtbarmachung seiner Leere durch unauffällige Kleinigkeiten und überraschende Einbrüche."
Ulrike Haage Piano
Carlos Bica Kontrabass

Modern String Quartet
Und noch ein 20-Jahres-Jubiläum! Das grenzgängerische Streichquartett um Jörg Widmoser (lieferte zum Festival 2003 schon ein berauschendes Geigenduell) ist so alt wie Jazzini und Blue Box. Spätestens vor genau zehn Jahren fand das MSQ Anerkennung auch von Seiten der "Klassiker", als es sein höchsteigenes Arrangement von Bachs "Kunst der Fuge" vorlegte. Mittlerweile zu offiziellen Kulturbotschaftern der BRD erkoren, zieren sie unser Ini-Geburtstagsfest und bringen damit auch der Stadt ihr Jubiläumsständchen. Die unbändige Präsenz der Vier hat Weltruf: "Elegance and energy", schwärmte die Jakarta Post. Die Musiker verstehen "Jazz als Klassik des 20. Jahrhunderts und Klassik als Avantgarde". So suchen sie, von strikt persönlichen Sichtweisen geleitet, nach Brüchen im Vorgegebenen, um Strukturen aufzubrechen, ja, sie wollen gar "Schatten auf die Lichtgestalten der Musikgeschichte werfen". Bilderstürmer? Keineswegs! Erst durch solche Schattenwürfe nimmt das Licht Gestalt an.
Jörg Widmoser Violine
Winfried Zrenner Violine
Andreas Hoericht Viola
Jost-H. Hecker Cello

Sandra Weckert & Exotic Fruits
Ein Blick auf die Besetzungsliste ("Jazz-Frauen") verrät: Hier geht nicht alles mit gewohnten Dingen zu. Ü-ber-haupt nicht. Oder was ist von einer CD namens "Bar Jazz" zu halten, auf der ein Streichquartett gastiert, das dann aber keineswegs in eine Cocktail-Session integriert wird? Vielmehr schrieb die Chefin ein Stück eigens für Streicher. Das kommt bei der Frau aus dem tiefen Osten des Öfteren vor: Vernarrt in viele Stile, hält sie diese fein säuberlich auseinander und richtet kein Mischmasch an. Doch wie sie ihre Obstschale dann präsentiert, das riss selbst das reflexionsstarke Blatt Jazzthetik hin: "Wie immer setzt sich Sandra Weckert über alle Normen hinweg. Anhören ist Pflicht." Das witzig-spritzige Ding will freilich genau ausgehorcht sein. Denn gemeinerweise eignet es sich auch hervorragend als Hintergrundmusik und wirkt dabei verblüffend harmlos. Täuschend, ironisch, Kunst halt...
Sandra Weckert Alt-, Sopransaxophon, Nasenflöte
Kathrin Lemke Alt-, Baritonsaxophon, Bassklarinette, Flöte
John Gürtler Tenor-, Sopransaxophon, Melodika
Sabine Zlotos Schlagzeug, Violine
Peer Neumann Piano, Orgel, Nasenflöte
Stefan Bleier Bass, Nasenflöte

Big Band der Jazzinitiative Würzburg feat. Peter Tuscher
"Er phrasiert rund und voll und zeigt an Klangschattierungen alles, was in der modernen Jazztrompete Gewicht hat." Soweit das Jazzpodium über den Trompeter Peter Tuscher, Dozent am Konservatorium von Linz und in diesem Jahr Artist in Residence. Der schöne Brauch, extra fürs Festival ein Programm mit einem renommierten Wunschmusiker auf die Beine zu stellen, treibt die Big Band seit einigen Jahren immer wieder zu neuen Glanzleistungen. Dafür steht ihr Leader Markus Geiselhart, der auch in diesem Jahr wieder eigens ein Stück für den Gast komponierte.

Carolyn Breuer
"Echt, wahr, expressiv, wie glückliche Kommunikation eben“, begeisterte sich Roger Willemsen über die niederländische Saxophonistin. Eine Grundlage dessen: die tägliche Hausmusik, zu der sie ihr Vater in Kindertagen anhielt. Heute ist der hervorragende Posaunist zum Glück Mitglied in der Band der Tochter. Deren geschulte Kunst überzeugte nicht nur den intellektuellen deutschen Talkmaster, sondern auch Branford Marsalis, der Carolyn zu Privatunterricht in die USA einlud. Ihr ältestes Vorbild fand die Meisterin der Ballade allerdings in Charlie Parker – und zwar ausgerechnet bei dessen einstmals so umstrittenen Aufnahmen mit Streichorchester. Sie selbst beherrscht die noble Kunst, auf Sparflamme zu kochen: Höhepunkte der Entrückung bringt sie nicht als Powerplay, sondern durch nuancenreiche Spannungsbögen, mit warmem, anmutigem Sound in filigransten Linien. Auf den Berliner Jazztage war sie damit schon ebenso zu hören wie beim North Sea Jazz Festival.
Carolyn Breuer Saxophon
Hermann Breuer Piano, Posaune
Marc Abrams Kontrabass
Joost Patocka Schlagzeug

Sabine Kühlich & Crisp
Sabine Kühlich kommt aus New York zurück, wo sie ihre Würzburger Studien an der Manhattan School of Music fortsetzte. Mit ihrer klaren und sanften, mal aber auch rauchigen Stimme hatte sie schon immer ein Faible für den wortlosen Scat-Gesang. Sheila Jordan, die 78-jährige Altmeisterin dieser Richtung schwärmt: „That’s brilliant music and wonderful lyrics! Take care of the copyrights!“ Und die Bebop-Legende Barry Harris lobte Sabines Swing-Phrasierung: „Yeah, that’s perfect timing!“ Neues und altes Material präsentiert sie nun mit einer Band, die, so Sabine Kühlich, „auch in der New Yorker Club-Szene mithalten kann." Und: "Es ist eine Riesenehre, mit den Damen und Herrn Professoren und Dozenten aus Bayern zu musizieren.“ Die gewandte Pianistin Tine Schneider hatte die Sängerin in Amsterdam als Partnerin entdeckt geschlagen. Der vital-einfühlsame Drummer Bill Elgart und Rudi Engel am erdig-melodiösen Kontrabass schwingen im Rhythmus. Und Tenorsaxophonist Hubert Winter, Ex-Stipendiat am Berklee College of Music, ist ebenfalls schon Jazz-Dozent (an der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg). Akademisch freilich wird der Kehraus dieses Festivals sicher nicht ausfallen.
Sabine Kühlich Stimme
Tine Schneider Piano
Hubert Winter Saxophon
Rudi Engel Kontrabass
Bill Elgart Schlagzeug


Rahmen

31. 10. 11 Uhr St. Johannis: Jazzkirche Eintr. frei
Werner Küspert Gitarre, Komposition
Dirk Rumig Saxophon
Daniel Tornier Schlagzeug
Dirk Schade Kontrabass
17 Uhr, Mainfrankentheater Würzburg: Jazztee Eintr. frei
Eröffnung der Photoausstellung von Bernd Schmidt mit Claude Bollings "Suite for Violin and Jazz Piano Trio"
Sonja Lampert Violine, Viola
N. N. Piano
Dirk Schade Kontrabass
Markus Verna Schlagzeug

3. 11., 21.30 Uhr, CinemaxX: "Der Sonderling" (Karl Valentin) StummFilmLiveJazz mit Küspert & Kollegen. Informationen auch unter www.werner.kuespert.de
Werner Küspert Gitarre, Komposition
Hubert Winter Saxophon, Klarinetten
Rudi Engel Kontrabass
Paul Höchstädter Schlagzeug

7. 11., 11 Uhr, Felix-Fechenbach-Haus: Matinee mit dem Jazzchor Eintr. frei
Leitung: Christoph Gerl